Was haben die Inschriften an den Fassaden einiger alter Häuser im Dorf Vercorin mit schwebenden Skulpturen gemeinsam, die am Himmel über Zermatt lebendig werden? Auf den ersten Blick nichts – und doch sind es sehr gelungene Beispiele dafür, was die Digitalisierung zur Aufwertung des Kulturerbes beitragen kann, insbesondere in den Bergen.
Diese beiden Best-Practice-Modelle stammen aus einer Studie, die den Stand der Integration digitaler Werkzeuge in die Bereiche Schutz und Aufwertung von Berggebieten untersucht hat. Das Fazit ist ermutigend: Technologien werden zu entscheidenden Hebeln für ein resilienteres Bergkulturerbe, auch wenn Herausforderungen bei der Koordination bestehen bleiben.

Der geografische Kontext

Die Forschung zeigt, dass eine grosse Anzahl von Projekten und Studien im Alpenraum durchgeführt wurde. Seit 2014 ist das Thema Digitalisierung für die Akteure in Berggebieten zu einer Priorität geworden. Es ist keine Option mehr, sondern ein Instrument der territorialen Governance. Es ermöglicht abgelegenen Gebieten, eine Stimme zu erhalten, und hilft, die Komplexität eines sowohl natürlichen als auch kulturellen Erbes zu bewältigen.

Copyright photos : @Vercorin Tourisme & @Magic Mountain Zermatt

Die Digitalisierung: ein vielseitiges Instrument

Die eingesetzten Technologien dienen unterschiedlichen operativen und strategischen Bedürfnissen:

  • Dokumentation und Konservierung: Einsatz von GIS (Geografisches Informationssystem), Photogrammetrie und 3D‑Modellierung zur Archivierung des archäologischen und geologischen Erbes
  • Besuchererlebnis und Zugänglichkeit: Virtuelle Realität (VR) und Augmented Reality (AR) ermöglichen eine «virtuelle Mobilität» und machen unzugängliche Stätten für alle «besuchbar»
  • Umweltüberwachung: Künstliche Intelligenz (KI) und Sensoren helfen, Naturgefahren im Zusammenhang mit dem Klimawandel vorherzusagen.

Geografische und organisatorische Barrieren

Trotz des Potenzials digitaler Technologien verlangsamen konkrete Hindernisse ihre homogene Einführung:

  • Eine manchmal unzureichende digitale Infrastruktur in abgelegenen Gebieten.
  • Das Risiko von Top‑down‑Lösungen, die von den tatsächlichen Bedürfnissen der lokalen Gemeinschaften abgekoppelt sind.
  • Die Schwierigkeit, das Gleichgewicht zwischen touristischer Attraktivität und Schutz vor Übertourismus zu wahren.
  • Die Herausforderung der Interoperabilität von Daten zwischen verschiedenen Institutionen, Tourismusorganisationen, Regionen und Ländern.

Auf dem Weg zu einem effizienten und nachhaltigen digitalen Management…

Um innovative Projekte in einen echten Mehrwert für die Territorien zu verwandeln, formulieren die Autorinnen und Autoren der Studie einige Empfehlungen.

  1. Einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen, der sich am Ökosystem orientiert
    Es reicht nicht aus, eine Technologie zu implementieren; man muss das Territorium verstehen, das sie nutzen wird. Der Erfolg hängt von der Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Akteuren sowie den lokalen Gemeinschaften ab, um Lösungen zu finden, die dem kulturellen Kontext entsprechen.
  2. Bürgerforschung stärken
    Partizipative Ansätze sind erfolgreicher, denn die Einbindung von Bewohnern und Besucherinnen in die Datenerhebung (z. B. über KI‑annotierte Fotos zur Beobachtung von Landschaften) stärkt die soziale Legitimität digitaler Projekte.
  3. Menschliche Vermittlung bevorzugen
    Die Digitalisierung soll traditionelle Methoden ergänzen und nicht ersetzen. Gut konzipierte Technologien sollten ein tiefes emotionales Engagement für das Kulturerbe fördern, ohne das physische und sensorische Erlebnis zu verfälschen.

… mit kollaborativer Führung

Der Erfolg der digitalen Transformation in Berggebieten hängt nicht nur von den Werkzeugen ab, sondern auch von multilateraler Zusammenarbeit und einer geteilten Vision. Um von der Erprobung der Werkzeuge zu ihrer methodischen Integration überzugehen, müssen Projektverantwortliche auf starke Partnerschaften und ein feines Verständnis der lokalen Bedürfnisse setzen. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um im digitalen Zeitalter eine nachhaltige Entwicklung und eine starke identitäre Verankerung des Kulturerbes zu garantieren.

Ein Weg für das Wallis

Wenn Institutionen, private Akteure und lokale Gemeinschaften eine kollaborative Perspektive einnehmen – die entscheidend ist, um digitale Lösungen zu entwickeln, die den spezifischen Bedürfnissen des Territoriums gerecht werden –, können die Tourismus- und Kulturerbeakteure im Wallis nicht nur natürliche und kulturelle Ressourcen bestmöglich bewahren, sondern auch die wirtschaftliche Resilienz der Region gegenüber Herausforderungen wie dem Klimawandel stärken.

Konkret geht es darum, den Hebel der Aufwertung digitaler Inhalte (soziale Netzwerke, Blogs) zu nutzen, die die Wahrnehmung der Reisenden direkt beeinflussen und den Tourismus fördern. Diese digitalen Plattformen, etwa Blogs, sind wichtige Vermittlungsinstrumente, um Berggebieten eine Stimme zu geben. Durch die Produktion hochwertiger und gut indexierter Inhalte – ein entscheidendes Element für die Platzierung in Suchmaschinen und KI‑Werkzeugen – können lokale Akteure die digitale Kultur in einen Verbündeten des Kulturerbeschutzes verwandeln und zugleich respektvollere und authentischere Besuche fördern.

Über die Studie

Die systematische Literaturübersicht (SLR) «From Peaks to Pixels : a systematic literature review on the use of digital technologies for mountain heritage management» analysierte 64 Dokumente (wissenschaftliche Artikel, technische Berichte, Dissertationen), veröffentlicht zwischen 2007 und 2025. Die Forschung wurde von einem internationalen Team (Mele, E., Bonato, L., Colombie, G., Cornelli, M., Dunner, M., Duval, M., Trinchero, C.) durchgeführt, das drei Institutionen angehört: HES‑SO Valais‑Wallis, Institut für Tourismus (Schweiz), Université Savoie Mont‑Blanc (Frankreich) und Universität Turin (Italien), mit Unterstützung des UNITA‑Fonds.

Die Analyse wurde entlang dreier Dimensionen gegliedert: die Arten der verwendeten Technologien, die geografischen Kontexte und die Managementziele.

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