Was digitale Spuren über Landschaften verraten

Was haben ein Kommentar auf TripAdvisor nach einem Spaziergang durch die Weinberge des Lavaux und eine regionale Tourismusstrategie gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Und doch stellen diese „digitalen Spuren“ heute eine wertvolle Ressource dar, um die Erfahrungen der Besucher tiefgreifend zu verstehen und die Entwicklung der Reiseziele zu steuern.
Emanuele Mele, Roland Schegg und Romano Wyss vom Institut für Tourismus (ITO) der HES-SO Valais-Wallis haben dieses Potenzial in einer Studie untersucht, die sich mit der Darstellung der Landschaften des Lavaux in Online-Bewertungen befasst. Das Ziel: aufzuzeigen, wie die von den Besuchern spontan generierten Daten zu einem strategischen Hebel für Regionen, darunter auch das Wallis, werden können.

Der Kontext: von der erlebten zur erzählten Landschaft

Touristische Landschaften beschränken sich nicht auf eine physische Realität: Sie werden auch durch die Erzählungen, Emotionen und Wahrnehmungen der Besucher geprägt. Im Fall des Lavaux, einer Stätte, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, stellen die Weinbergterrassen weit mehr als nur eine Kulisse dar: Sie verkörpern ein sinnliches, kulturelles und identitätsstiftendes Erlebnis.

Traditionell wurden diese Wahrnehmungen mittels Umfragen oder Interviews analysiert. Heute bieten Plattformen wie TripAdvisor direkten Zugang zu Tausenden von spontanen Erfahrungsberichten, die ohne Zwang verfasst wurden und oft von einer starken emotionalen Komponente geprägt sind. Anhand dieser Daten lässt sich beobachten, was den Besuchern in Erinnerung bleibt und wie sie darüber berichten.

Digitale Spuren: ein vielseitiges Werkzeug für die Tourismusanalyse

Die Analyse von Online-Bewertungen eröffnet konkrete Perspektiven für Reiseziele:

  • Das Besuchererlebnis verstehen: Welche Elemente hinterlassen den stärksten Eindruck? Die Landschaft, die Atmosphäre, die Authentizität, der Service?
  • Die mit den Orten verbundenen Emotionen identifizieren: Staunen, Gelassenheit, Überraschung oder manchmal auch Frustration.
  • Grossräumige Trends erkennen, dank Datenmengen, die manuell nicht zu verarbeiten sind.
  • Die Entwicklung der Wahrnehmungen im Verlauf der Zeit beobachten.

In dieser Studie über das Lavaux setzten die Forscher Techniken der automatischen Sprachverarbeitung (NLP) ein, nämlich eine thematische Analyse (Topic Modeling) und eine Stimmungsanalyse, um wiederkehrende Merkmale in den Äusserungen der Besucher zu extrahieren.

Was die Online-Bewertungen offenbaren: die zentrale Rolle der Landschaft

Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Landschaft das Herzstück des touristischen Erlebnisses im Lavaux bildet. Die Besucherinnen und Besucher beschreiben nicht nur, was sie sehen, sondern bringen auch starke Emotionen zum Ausdruck, die mit der Schönheit der Umgebung, den Panoramablicken auf den Genfersee sowie dem harmonischen Zusammenspiel von Natur und menschlicher Tätigkeit verbunden sind.
Dabei treten mehrere Aspekte besonders hervor:

  • Die visuelle Ästhetik: die „spektakuläre“ Schönheit der Terrassen und Ausblicke.
  • Die Authentizität: das Gefühl der Verbundenheit mit einem lebendigen Kulturerbe.
  • Das sinnliche Erlebnis: die Farben und die Atmosphäre.
  • Die emotionale Dimension: Staunen, Ruhe, manchmal sogar das Gefühl, an einem „einzigartigen Ort“ zu sein.

Diese Ergebnisse bestätigen, dass die Landschaft nicht nur eine Kulisse für das touristische Angebot ist, sondern ein echter Motor für Emotionen und Zufriedenheit.

Zu berücksichtigende Einschränkungen

Wie jeder auf digitalen Daten basierende Ansatz weist auch die Analyse von Online-Bewertungen gewisse Einschränkungen auf:

  • Repräsentativitätsverzerrung (nicht alle Besucher hinterlassen eine Bewertung)
  • Eine Überrepräsentation extremer Erfahrungen (sehr positiv oder negativ)

Diese Herausforderungen legen nahe, diese Analysen in einen komplementären Ansatz zu integrieren, der mit anderen Methoden (Umfragen, Feldbeobachtungen) verknüpft ist.

Auf dem Weg zu datengestützter Tourismusintelligenz

Die Auswertung von Daten aus digitalen Spuren erfordert einen strategischen Ansatz, der Analyse, den Abgleich verschiedener Quellen und die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren kombiniert. Es geht darum, diese Daten in für die Entscheidungsfindung nützliches Wissen umzuwandeln, indem sie durch weitere Indikatoren ergänzt und mit zusätzlichen Kompetenzen verknüpft werden. Dieser Ansatz muss jedoch stets in einem tiefgehenden Verständnis der Praxis verankert bleiben: Digitale Werkzeuge ersetzen nicht das menschliche Fachwissen, sondern ergänzen es, indem sie eine erweiterte und strukturierte Sicht auf die Erfahrungen und Wahrnehmungen der Besucher bieten.

Konkretes Potenzial für das Wallis

Das Beispiel des Lavaux veranschaulicht, welchen Nutzen die Analyse digitaler Spuren für eine Destination haben kann. Im Wallis, wo die Landschaften ebenfalls eine zentrale Rolle spielen, bieten diese Ansätze ein beträchtliches Potenzial.
In diesem Sinne kann das ITO die Akteure im Wallis dabei unterstützen,

  • die Wahrnehmung der verschiedenen Reiseziele (Ferienorte, Täler, Dörfer) zu analysieren
  • die Erwartungen und Emotionen der Besucher zu verstehen
  • die Stärken und Verbesserungsmöglichkeiten des touristischen Erlebnisses zu identifizieren
  • die Kommunikations- und Positionierungsstrategien zu optimieren
Kontakt

Emanuele Mele
Assistenzprofessor FH
Telefon +41 58 606 85 36 – E-Mail : emanuele.mele@hevs.ch

Ausbildungen : PhD Communication Sciences, Doctor of Philosophy; Master’s degree in Economics and Communication, Major in International Tourism

Linkedin https://www.linkedin.com/in/emanuele-mele-phd-28978093

Präsentation der Studie als PDF (auf Englisch)

Diese Präsentation wurde am 6. Mai 2026 anlässlich des internationalen Kongresses am Centre de Recherches et d’Étude, de Protection, de Représentation et de Valorisation de la Viticulture de Montagne (CERVIM) in Montreux gehalten.

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